Karate zwischen Vergangenheit und Zukunft

Breitensport trifft Traditionen im Karate

Je größer der Verband, desto mehr Finanzen schluckt die Maschinerie. Das wiederum ruft die Funktionäre auf den Plan. Der Druck, mehr Mitglieder zu akquirieren und Geld mit der Ware Karate zu verdienen, steigt. Unwillkürlich stellt sich die Frage: Verkümmert Karate dabei zum Sportangebot? So oder so - Im Kampf um Mitglieder muss das Gesamtpaket Karate attraktiv verpackt werden. Ein Teufelskreis, der den Individualisten in der Kampfkunstnische wenig Spielraum lässt. Und doch gibt es Menschen in den Verbänden, denen die Tradition und die Werte des ursprünglichen Gedankens, des Karate Do, wichtig sind. Einer dieser Karate Senseis feiert im Juni sein Jubiläum - 50 Jahre Shotokan Karate. Karate-Treff gratuliert Sensei Wolf-Dieter Wichmann.

Sensei Wolf-Dieter Wichmann

Sensei Wolf-Dieter Wichmann, 8.Dan Shotokan Karate

Karate als Sportangebot oder als Lebensphilosophie?

Der Karateka hat die Wahl

Es gibt inzwischen einige Gesundheitsstudien, die belegen: Karate ist für alle Altersgruppen gesund. Hier wird gezielt die Rechts-Links Koordination trainiert, die Beweglichkeit,  die Konzentration und auch noch Alzheimer vorgebeugt. Solche Studien sind für jeden Verein und Verband Gold wert. Denn das sind die Werbeslogans, die jede Website und Flyer schmücken. Karate als Gesundheits- und Verjüngungskur! So bekommt man Mitglieder in die Sporthallen und Dojos, die 1-2 mal die Woche etwas für ihre Fitness tun wollen. Karate statt Muckibude oder Zumbagruppe?  Das hinter dem Karate Training mehr steckt,  wissen Karate Anfänger oft noch nicht. Wenn dann der Verein das Karate Training mit Workshop-Charakter praktiziert, wird der unwissende Karateka niemals bis zur Wurzel der Lebensphilosophie Karate vordringen. 

Starke Karate Senseis als Säulen der Karate Tradition

Wer als Karate Anfänger einen Karate Trainer findet, der die ursprünglichen Werte dieser Kampfkunst lebt, hat viel Glück gehabt. Denn er findet wesentlich mehr als nur ein Workout. Er erhält eine gratis Unterstützung für sein gesellschaftliches und berufliches Leben. Denn Karate formt nicht nur den Körper, sondern auch den Geist.
Heutzutage verliert sich Charakterbildung schnell in der Masse der überfüllten Schulklassen, der modernen, antiautoritären Erziehungsstile und der kapitalistischen Ellbogenmentalität. Das wissen auch die großen Verbände und unterstützen die Traditionalisten in ihren Reihen.

Zum Glück für die Karate Schüler von Sensei Wolf-Dieter Wichmann (8. Dan Karatedō, 5. Dan Kendō, 3. Dan Jūdō, 3. Dan Iaidō und den 1. Kyu Kyūdō) Mit ihm haben sie einen Sensei gefunden, der die alten Traditionen und Werte der Kampfkunst  Karate lehrt und vor allem auch selbst lebt.
Um diese Werte in einem großen Verband wie dem DKV zu vermitteln, hat er 2002  mit Gleichgesinnten sogar eine eigene Stilrichtung eingeführt - Shotokan Fudoshin-Ryu. Diese Stilrichtung beinhaltet die Elemente des ursprünglichen Shotokan-Karate. Damit gibt Sensei Wichmann sein Wissen so weiter, wie er es in 50 Jahren von  seinen Lehrern wie Kanazawa, Nakayama, Enoeda, Kase und Ochi gelernt hat. Regeln wie das Dojokun oder die 20 Regeln des Gichin Funakoshi  sind damit nicht nur Schrift auf Papier, sondern erwachen zu gelebtem Karate im Dojo und im täglichen Leben.

die 20 Regeln des Gichin Funakoshi

Die 20 Regeln des Gichin Funakoshi

Wer ist Sensei Wolf-Dieter Wichmann?

Wolf-Dieter Wichmann ist am 11. April 1948 in Marktredwitz geboren. Er trägt den 8. Dan Karatedō, 5. Dan Kendō, 3. Dan Jūdō, 3. Dan Iaidō und den 1. Kyu Kyūdō. Er war 3-facher Vize-Weltmeister und 2-facher Europameister und Deutscher Meister im Karatedō. Durch seine umfangreichen Kenntnisse kann er als Budō-Sportlehrer seinen Schülern ein breites Spektrum in allen Facetten der Kampfkünste vermitteln. 

Wolf-Dieter Wichmann: „Wenn es uns gelingt, im Kernfeld Karate (Kernfeld Sport), dem einzelnen Menschen und ausgehend davon in größeren Gruppen wieder ein Gefühl für den Bestand von Werten wie Achtsamkeit, Höflichkeit, ernsthaftes Bemühen, Rücksicht und Mitgefühl zu wecken und zu verinnerlichen haben wir die ursprüngliche Botschaft des Karate-DÔ verstanden. Dies meinen Schülern und ihren Lehrern zu vermitteln, ist mein Ziel im Karate und dafür setze ich mich seit nunmehr 43 Jahren ein.“

Die ausführliche Biographie von Sensei Wichmann kann in diesem Dokument nachgelesen werden.

Interview mit Sensei Wolf-Dieter Wichmann

50 Jahre Shotokan Karate – Wie sieht die eigene Bilanz nach diesen Jahren aus?

Antwort Sensei Wichmann:

"50 Jahre sind ja fast wie ein ganzes Leben.

Seit meinem 10. Lebensjahr betreibe ich Sport- Schwimmen, Tauchen, Fechten, Turnen und dann kamen die Budosportarten Karate, Judo und Kendo hinzu. Dass dabei noch Skifahren, Tennis und Segeln „abfiel“, versteht sich dann fast von selbst.

Zwei Aspekte haben mich immer fasziniert- zuerst das Lernen und dann das Können, der Wettkampf.

Ich bin dann beim Karate geblieben. Es verkörpert für mich die größtmögliche Einheit von Geist und Körper. Ein Kernsatz, den ich meinen Schülern gerne mit auf den Weg gebe, lautet: „Man kann im Karate nicht lügen!“ Die Aufrichtigkeit der Körpersprache geht weit über das gesprochene Wort hinaus.
Und der Geist, der Wille kann auch dem Körper nichts abverlangen, was der nicht in der Lage ist zu geben.

Meine Bilanz?         

Alles reduziert sich auf das Training! Wer nicht trainiert kann noch so viel „erzählen“ es ist nichts so glaubwürdig, „authentisch“ wie das eigene Training. Auch der Verletzte, der Alte oder Schwache kann trainieren- anders, mit weniger Körpereinsatz, aber mit dem ganzen Herzen. Und diese „Botschaft des Herzens“ spricht an und überzeugt. Unabhängig vom Alter oder Geschlecht, vom Grad des Könnens oder dem momentanen Zustand.

Ideale Utopien existieren nirgendwo auf der Welt- auch nicht im traditionellen Karate. Aber nach bestem Wissen und Gewissen ein Ideal anzustreben ist eine sehr vornehme Aufgabe.

Es ist nicht leicht in einem modernen Sportbetrieb, der sich auch an den „Gesetzen des Marktes“ orientieren muss, dies einzuhalten- Vereine brauchen Mitglieder, Mitglieder streben Erfolgserlebnisse (Prüfungen, Wettkampferfolge usw.) an- aber- getreu dem Budogrundsatz: „Der Weg ist das Ziel“, lernt der aufrichtige Budo-Sportler sich auf den „Weg“ (das DÔ) zu konzentrieren.

Da die Gesellschaft dem Einzelnen immer weniger Zeit und Geduld zu dieser Weg-Sinn-Suche zugesteht, ist die Schar derer, die sich diesem Ziel widmen überschaubar. Aber ein guter Lehrer kann diesen Samen einpflanzen und pflegen. Manchmal sind es Kinder, Jugendliche, die etwas anderes suchen, als Fußball und Videospiele- manchmal sind es Erwachsene, die nach der sinnlos erscheinenden Hetze eines Berufslebens „mehr“ in ihrem Leben suchen- all denen kann die Besinnung auf die inneren Werte des Karate, des Shotokan Karate (dabei ist das keine Frage der Stilrichtung!) des Budo-Weges weiterhelfen.

Aber - durch Training! Nicht durch schöne Geschichten aus alten Zeiten. Diesen Weg beschritten und nicht verlassen zu haben, das ist meine Bilanz."

Was hast du selber für dich erreicht?

Antwort Sensei Wichmann:

"Diese Frage ist nicht so einfach selbst zu beantworten.

Titel wie Vizeweltmeister oder eine hohe Dangraduierung sind ja im Training nicht so viel Wert. Was zählt, ist der Respekt, die Anerkennung der Schüler. Man kann sich das wie eine Pyramide vorstellen- meine unmittelbaren Meisterschüler geben meine Botschaft an ihre Schüler weiter. Nach 50 Jahren ist der Fuß der Pyramide schon sehr breit. Manche haben den Weg nicht fortsetzen können oder haben einen  anderen Weg beschritten. Aber in der Breite der Anerkennung (letztlich durch die Teilnahme am Training!!) liegt ein Gefühl von „Erfolg“.

Für sich selbst erfährt man ein tiefes Gefühl von Stimmigkeit, Angekommen sein, Glück über die Mittigkeit und Einheit von Geist und Körper."

https://www.youtube.com/watch?v=gAYIaiM2xgs

Sensei Wichmann 1977 in Japan beim Karate World Championship 1977 in Tokyo gegen Mikio Yahara.  

Hast du dein Ziel mit deiner eigenen Stilrichtung das ursprüngliche Karate – den Karate do zu vermitteln, erreicht?

Antwort Sensei Wichmann:

"Ja und Nein.

Innerhalb der Gruppe „Fudoshin-Ryu“ ja. Außerhalb, d.h. im großen DKV- und Shotokan-Karatelager eher nein. Immer wieder kommen Karateka zu meinen Lehrgängen, die erstaunt sind, dass es dieses (alte) Karate, das sie noch von früher her kennen, gibt. Aber das sind Einzelne. Die Masse der Karatetreibenden im DKV und auch ihre Lehrer kennen das ursprüngliche Karate (das aus den 60er-70er Jahren) gar nicht und können daher weder „vergleichen“ noch dies Karate für sich anstreben.

Das traditionelle Karate zeichnet sich vor allem durch die anspruchsvolle Genauigkeit und die Verbindung von Effizienz und Kontrolle aus.

Alle drei Säulen sind unabdingbare Voraussetzung. Fehlt eine, bricht das ganze System zusammen. Das verkennen die meisten und ersetzen es durch die Illusion, dass Karate „ja nicht wirklich trifft“. Also „nicht wirklich ernsthaft und mit Gefahrenpotenzial versehen ist“.

Das ist falsch. Karate ist eine Kampfkunst bei der es in letzter Konsequenz um das Überleben geht. Natürlich trainieren wir nicht „auf Tod und Leben“. Aber die Energie und Aufmerksamkeit, die hinter diesem Gedanken steckt, die streben wir an und trainieren sie und dies Training ist nie zu Ende.

Und das ist letztlich der Weg – das DÔ."

Was würdest du dir für die Zukunft des Karate in Deutschland wünschen?

Antwort Sensei Wichmann:

"Ich wünsche mir, dass das traditionelle Karate (der Begriff ist leider sehr missverständlich und bedarf eigentlich einer genaueren Definition!) einen klar umrissenen Bereich innerhalb des modernen (Sport-)Karate im DKV erhält. Dass sich die Lehrer, die noch in diesem System verhaftet sind, darin von unseren alten Lehrern unterrichtet wurden, zusammenfinden, um eine Sprache, eine Botschaft zu formulieren, die denjenigen Orientierung bietet, die „traditionelles Karate“ lernen oder betreiben wollen."

Karate-Treff wünscht alles Gute zu 50. Jahre Shotokan Karate

Sensei Wichmann feiert am 04.-05. Juni 2016 in der Wilhelm-Kaisen-Schule Bremen Valckenburghstr. 1-3, 28201 Bremen mit einem Jubiläumslehrgang seine 50 Jahre Shotokan Karate. Als Gasttrainer wird ihn Carlos Molina 8. Dan Shito-Ryu unterstützen. Karate-Treff wünscht ihm alles Gute zu seinem Jubiläum und auch viel Erfolg für die kommenden Jahre.

Autor: Stefanie Wallner
Das könnte Sie auch interessieren
Kontakt:
Für Anregungen, neue Artikel, Events
oder mehr sind wir dankbar.
Bitte schreibt uns unter
info@karate-treff.de
Video-Tipps:
Ausgesuchte
Empfehlungen aus
Youtube